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V e r n i s s a g e

am 18. Oktober 2018


„Lasst euch nicht die Fantasie rauben“

Die Grundschüler der Liebenauschule in Neckartailfingen stellen ihr Projektergebnis in der Reihe „Kunst im Gespräch“ aus

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Nürtinger Zeitung -

Bericht von Steffen Doluschitz

 

NECKARTAILFINGEN. Vergangenen Mittwoch eröffneten die Grund- und Vorschulkinder der Liebenauschule die Ausstellung ihres Kunstprojektes „Fantasiewelten“ im Neckartailfinger Rathaus. „Vier Wochen lang haben die Kinder in kleinen Gruppen gearbeitet“, sagt Barbara Grupp, Leiterin der Jugendkunstschule Filderstadt. Das Ergebnis können sich Interessierte noch bis zum 22. Dezember im Erdgeschoss des Neckartailfinger Rathauses anschauen.

„Vorgabe“ war beim Projekt nur, dass es ein Bauwerk werden soll, sagt Barbara Grupp. Und weiter: „Die Kinder sollten Häuser entwerfen, die sich nicht an der Realität, sondern an ihrer eigenen Fantasie orientieren.“ Die zwei vierten Klassen der Liebenauschule übernahmen die Architektur . Die Klassen 1 bis 3 sowie die Vorschulklasse arbeiteten den größeren Schülern zu und fertigten zum Beispiel fliegende Untertassen oder Fantasiewesen.

Entstanden sind nun Häuser mit bunten Fenstern, mit Kaminen, mit Rutschbahnen oder einem Kletterpark. Dazu ein Trampolin, Balkone oder Swimmingpools. Belebt wird die futuristische Wohnanlage von lustigen kleinen Figuren aus Toilettenpapier oder Fabelwesen aus Knet. Fliegende Untertassen aus Papptellern, Fahrzeuge und allerlei Pflanzen aus Verpackungsmaterialien und buntem Papier zieren die Fantasiewelt.

Bevor konstruiert und gebastelt wurde, hatten die Kinder einige Wochen Zeit, um frei nach ihren Vorstellungen die passenden Materialien für ihre Ideen zu sammeln. Mitgebracht wurden Kartons, Zeitungen und Dinge aus dem gelben Sack.

„Es gibt ja schon Videospiele“, sagt Barbara Grupp, „bei denen man virtuell am Bildschirm eine Art Fantasiewelt gestaltet und aufbaut“. Grupp selbst habe solche Spiele mit ihrer Nichte schon ausprobiert – und sagt: „Das können wir auch, aber in echt.“ Ein wichtiger Vorteil der Arbeit mit echtem Material seien Grenzerfahrungen, die Kinder dabei machten, denn „manchmal will die Pappe eben einfach nicht so, wie man selbst,“ so Grupp.

Hinzu kommt, dass es zum Beispiel beim Arbeiten mit einem ganz schlichten Material wie Karton keine Reizüberflutung gibt, wie es bei vielen Computerspielen der Fall ist. Die Arbeit mit solchem Material lässt Freiräume entstehen, die Kinder mit den Reizen füllen können, die von innen heraus kommen.

Gezeichnet, gebaut, geschnippelt, getackert, gesteckt, verleimt, gemalt und kaschiert wurde in den vergangenen vier Wochen in der Liebenauschule. „Mit einem Unimog vom Bauhof wurde die futuristische Landschaft dann zum Rathaus transportiert“, sagt Neckartailfingens Bürgermeister Gerhard Gertitschke.

Dass das Kunstwerk nun einige Wochen im Rathaus steht, findet Gertitschke „einfach Klasse, denn dadurch kommen die Menschen im Rathaus zusammen. Dann kommen die Leute auch mal wegen etwas Anderem her, als nur, um den Personalausweis zu verlängern“, so Gertitschke.

Der Gemeinschaftsgedanke hat schon vor knapp 15 Jahren eine Rolle gespielt, als solch ein Projekt erstmals in Neckartailfingen stattgefunden hat. Die Projektreihe heißt „Kunst im Gespräch“.

Im Gespräch war vor 15 Jahren im Gemeinderat eigentlich eine Skulptur für den Rathausplatz. Dafür stand eine Geldsumme im Raum, die man für die Skulptur aufbringen wollte. Entschieden hat sich der Gemeinderat stattdessen dann aber doch für die Finanzierung des Projekts für die Grundschulkinder. „Das ist auch gut so, denn die Projekte lassen die Bürger zusammenkommen“, sagt Bürgermeister Gertitschke.

So eine Projektwoche ist sehr intensiv für die Kinder. Was während der Arbeit an so einem Projekt letztlich mit den Kindern passiert, ist „kein Kinderkram“, sagt Barbara Grupp. Die Kinder lernen beim Bau eines Hauses eine abstrakte Vorstellung in die Realität umzusetzen. Sie setzen sich dabei mit statischen, gestalterischen und handwerklichen Fragestellungen auseinander. „So eine Projektwoche ist sehr intensiv für die Kinder“, so Grupp. Jeden Vormittag arbeiteten sie vier Stunden. „Sie bewiesen dabei viel Ausdauer“, so Grupp.

Beim künstlerischen Arbeiten haben die Kinder einen Vorteil gegenüber Erwachsenen: „Sie gehen mit weniger Angst an die Sache heran“, weiß Barbara Grupp. So können sie spielerisch mehr Sicherheit im Umgang mit Materialien lernen. Besonders beansprucht und geschult werde dabei „das Taktile, also der Tastsinn der Kinder“. Und zudem die Geschicklichkeit: „Der ganze Mensch ist beteiligt, inklusive Händen und Füßen“, so Grupp.

Angeleitet wurde die Projektwoche von den Künstlerinnen der Jugendkunstschule, Uschi Kohler und Ute Fischer-Dieter. Die Erwachsenen wirkten bei dem Projekt aber lediglich „unterstützend für die Kinder, damit die ihre Ideen verwirklichen können“, so Barbara Grupp. Allzu viel Hineinreden sei ohnehin nicht nötig. „Das Material gibt schon von selbst Feedback – zum Beispiel, wenn die geklebte Pappe nicht hält.“ Oder noch zugespitzter: Beim Schnitzen „erzieht das Material die Kinder, wenn sie es nicht fachgerecht behandeln“.

Gelernt haben die Kinder nun, einige handwerkliche Aufgaben zu lösen. Und vielleicht auch, wie man statischen Problemen am besten begegnet. Vielleicht haben sie sogar gemerkt, dass Pappteller, Knet und Papier fantastischer sein können, als jedes Computerspiel. Was die Kinder aber definitiv aus dem Projekt mitnehmen werden: Sie wissen nun, wie stabil Zeitung in Verbindung mit Kleister werden kann.